Das macht gute Magazinfotografen aus

Wenn Texte gut bebildert sind, werden sie intensiver wahrgenommen. Das ist längst erwiesen. Aber was ist ein gutes Bild? Worauf achten Fotoredakteure? Und weshalb braucht jedes Thema unter Umständen einen anderen Fotografen-Typen? Das weiß Bildredakteurin Vivian Balzerkiewitz von der „SZ am Wochenende“.

Vivian, du schreibst in deiner Abschlussarbeit „Vom Umgang mit Fotografie in deutschen Tageszeitungen“, dass die Bedeutung von Fotografie in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Wie erklärst du das?

In unserer schnelllebigen Zeit blättern Leser ein Magazin oder eine Zeitung leider häufig nur auf die Schnelle durch. In dieser Phase müssen Leser durch gute Fotos überrascht werden, damit sie innehalten und dann doch beginnen, den zugehörigen Text zu lesen. Die jüngere Generation informiert sich zudem überwiegend online. Bei Facebook haben nur Artikel mit Bildern – guten Bildern – eine Chance, geklickt zu werden; das merke ich auch an meinem eigenen Verhalten. Schon lange ist bekannt, dass Artikel, die mit packenden und passenden Bildern gestaltet sind, acht bis zehn Prozent mehr Leser haben. Bildstrecken werden sogar noch länger betrachtet, zugehörige Artikel noch häufiger gelesen.

Trotzdem haben viele Verlage ihre Fotoredaktionen in den vergangenen Jahren aufgelöst. Wie passt das zusammen?

Sie denken, jeder kann fotografieren, jeder kann eine Kamera hochhalten und ein Foto machen. Wenn es darum geht, Kosten zu sparen, gerät deshalb die Bildredaktion schnell unter die Räder. Ein Umdenken wird es wohl erst geben, wenn ein neuer Schwung an Onlinemagazinen auf den Markt kommt und sich die Magazine auch in einer jungen Zielgruppe beweisen müssen.

Wie steht es um das Ansehen von Fotoredakteuren in Zeitungsverlagen, die noch eine Bildredaktion haben?

Die Kompetenzen der Fotoredakteure werden nicht vollends ausgeschöpft. In der Regel fungieren sie nur als eine Art Dienstleister, als Bildschubser. Sie führen die Fotowünsche von Redakteuren aus oder recherchieren nach klaren Vorgaben und Vorstellungen der Autoren. Das tatsächliche Potenzial der Fotoredakteure und deren Know-how, Bildideen zu entwickeln, nutzen sie selten.

Was ist das für ein Know-how? Was genau macht eine Bildredaktion?

Bildredakteure sind die am besten vernetzten Redakteure im ganzen Haus. Sie kennen jeden in jedem Ressort und sind in der Regel sehr kommunikative Menschen, weil sie mit jedem Redakteur klarkommen müssen. Sie haben ein großes Allgemeinwissen, weil sie sich in sämtlichen Bereichen auskennen müssen: in der Wirtschaft, im Sport, im Feuilleton, in der Politik. Und sie brauchen ein unglaublich großes Netzwerk an Fotografen weltweit. Hinzu kommt das fotografische Know-how. Die meisten haben eine fotografische Ausbildung und einen Master in Journalismus und wissen, welcher Fotograf für welchen Job der Richtige ist.

Kann nicht jeder Fotograf alles fotografieren?

Nein: Ein Fotograf braucht Erfahrung in seinem Spezialgebiet. Wenn es zum Beispiel um einen Koch geht, würde ich niemanden hinschicken, der immer nur Autos oder Sozialreportagen fotografiert. Wer Geschichten mit Kindern fotografiert, muss erstens mit Kindern klarkommen und zweitens spontan auf ungeplante Situationen eingehen können. Für Porträts buche ich jemanden, der auch mit schlechten Lichtverhältnissen und zickigen Leuten umgehen kann. Denselben Fotografen schicke ich im Zweifel aber wiederum nicht zu den Kindern, weil er keine Sensibilität in seinen Fotos hat. Wieder andere sind gut darin, Fotos von Menschen zu machen, die nicht erkannt werden dürfen. Jeder Job ist eben anders, Foto ist nicht gleich Foto.

Wie entscheidet man denn dann, was ein gutes Foto ist?

Das Hauptargument ist, wenn es eine Geschichte erzählt. Es reicht also nicht, jemanden zu fotografieren, um zu zeigen: „Der war auch da.“ Sondern man sollte Personen in einen Kontext stellen: den Schützenkönig auf dem Schützenplatz zum Beispiel. Gerade habe ich Fotos vor mir, die verschiedene Handgriffe eines Bäckers zeigen. Die funktionieren vielleicht, wenn es darum geht, den Ablauf in einer Bäckerei zu demonstrieren. Wenn ich aber zeigen will, dass der nur Biobrot macht oder er der einzige deutsche Bäcker in Australien ist, brauche ich eine Geschichte um den Bäcker herum.

Welche Infos brauchst du, um einen Fotografen zu briefen?

In der Regel kommt jemand auf mich zu mit einer Textidee. Stichpunkte reichen aber nicht, damit ich einen Fotografen losschicke. Sonst ist er vor Ort völlig aufgeschmissen. Ich brauche eine grobe Handlung, um Bildideen entwickeln zu können, oft zusammen mit den Fotografen.

Siehst du einen Widerspruch darin, Stock-Fotografie – also gestellte Agenturfotos – in journalistisch geprägten Magazinen und Zeitungen zu verwenden?

Der Journalismusforscher Michael Haller sagt, dass Leser sich von szenischen Bildern eher angesprochen fühlen als von gestellten Fotos, weil sie sozusagen Zeitzeugen sind. Stock-Fotos erzählen häufig keine Geschichte. Es gibt zwar welche, die als Symbolbild funktionieren, dann achten wir aber trotzdem auf die Atmosphäre und auf die Bildsprache. Sonst fragen sich die Leser womöglich, ob das Foto zu einer Anzeige gehört.

Du hast bei der „Brigitte“ gearbeitet – also bei einem Magazin im Zweiwochenrhythmus. Die „SZ am Wochenende“ erscheint einmal pro Woche. In deiner Abschlussarbeit ging es hingegen um tagesaktuelle Zeitungen. Wie wirkt sich die Erscheinungsweise auf die Planung aus?

In der Tagesproduktion ist jeden Tag ein Reset. Für eine Wochenendbeilage produzieren wir mindestens drei Wochen im Voraus, bei der „Brigitte“ war es teils sogar für die nächsten Monate.

Weshalb gestalten Tageszeitungen ihre Wochenendbeilagen häufig besser als ihre Wochenausgaben?

Budget und Zeit, ganz einfach. Aber wer Qualität will, muss eben auch investieren. Du kannst den besten Schuster haben. Wenn der aber nur billiges Leder hat, wird kein guter Schuh daraus.

 

Titelfoto: zettberlin / photocase.de

Auch interessant:

Bilder erzählen Geschichten, Teil III

Fotojournalismus: Unsere erste Wahl


Vivian Balzerkiewitz

Zur Person:

Vivian Balzerkiewitz ist seit 2014 verantwortliche Bildredakteurin der „Süddeutschen Zeitung am Wochenende“. Zuvor arbeitete sie unter anderem in den Bildredaktionen von „Brigitte“, „Welt am Sonntag“ und „Weser-Kurier“. Ihren Abschluss machte sie 2013 an der Hochschule Hannover, Schwerpunkt Fotojournalismus und Dokumentarfotografie. Thema ihrer Abschlussarbeit: „Die Kompetenz des Findens – Vom Umgang mit Fotografie in deutschen Tageszeitungen“.

www.vivianbalzerkiewitz.com


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *