Wie eine Unterhose zum Tourismus führt

Der Preikestolen zählt zu den meistbesuchten Touristenattraktionen in Norwegen. Das offizielle Portal des Landes bewirbt das Reise-Highlight auf besondere Weise: mit Geschichten, die den 604 Meter hohen Felsen mal mehr, mal weniger ins Zentrum stellen.

„Norwegen: 25-Jähriger in Unterhose stoppt Autodieb bei minus 17 Grad.“ So titelte „Spiegel Online“ dieser Tage. Der 25-Jährige, so heißt es im Vorspann, sei auf das Dach seines soeben gestohlenen Wagens gesprungen. Und: „Was dann folgte, fasziniert sogar die Polizei.“ Mit solchen Cliffhangern im Einleiter arbeitet das Nachrichtenportal häufig: Auch wenn einen eine Polizeimeldung vielleicht gar nicht allzu brennend interessiert, so macht ein kleines Appetithäppchen dann doch neugierig auf den Rest. Wovon wohl sogar die Polizei fasziniert gewesen sein mag? Der Trick mit der Neugierde funktioniert: Ich klicke.

Was mir dann aber als erstes ins Auge springt, ist nicht der Rest des Artikels – sondern eine Werbefläche, die sich langsam am oberen Rand des Browsers ins Bild schiebt. „Visit Norway.“ Offensichtlich hat der Algorithmus von „Spiegel Online“ sinnigerweise das Schlagwort „Norwegen“ in der Überschrift des Artikels mit dem werbenden Tourismusverband von „Norwegen“ verknüpft (anstelle von David Beckham in Hugo-Boss-Unterhose …).

Paul Edmundson___Preikestolen
Foto: Paul Edmundson | Preikestolen

Aber zurück zur Werbefläche. Sie weckt meine Aufmerksamkeit, weil sie abgesehen vom Landeslogo ganz reduziert daherkommt: Da steht nur das Schlagwort „Preikestolen“ in großer weißer Schrift auf einem atemberaubenden Foto des norwegischen Felsens mit Blick auf den Lysefjord. Das war’s. Nur dieser kleine Appetithappen. Wie das Cover eines Magazins. Ich bin neugierig. Und klicke schon wieder.

Es folgt eine Webseite, die keine plumpe Werbung für das Touristenziel andreht, sondern Geschichten rund um den Felsen erzählt:

  • eine Reportage über den Sonnenaufgang oben auf dem Plateau
  • eine Abhandlung über Glauben und Aberglauben (mit dem begeisterten Ausruf „O mein Gott!“ angesichts der tollen Aussicht auf die Fjordlandschaft als Textaufhänger)
  • eine Videoreportage über den anstrengenden Aufstieg
  • Hilfestellung zur Planung eines Ausflugs (Übernachtung, Packliste …)
  • ein Ratgeber zur Sicherheit im Gebirge
  • Weiterführende Wanderziele

Wir sehen: Selbst um einen reglosen Felsen lassen sich unglaublich viele Geschichten finden.

Ach ja: Was sogar die Polizei faszinierte?

Tja – der Preikestolen war spannender.

 

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