Die Suche nach einem Titel für Magazine und Bücher

Drei Monate lang hat sich der Journalist Patrik Stäbler auf Deutschlandreise begeben: Per Anhalter reiste er in jedes Bundesland und probierte regionale Speisen wie Schnüsch, Schäufele und Saumagen. Daraus ist ein Buch entstanden. Aber mit welchem Titel? Bis dieser gefunden war, erlebte Stäbler eine zweite Odyssee. Im Agenturalltag ist das ähnlich: wenn wir über den Titel für ein neues Kunden- oder Mitgliedermagazin nachdenken.

„Deutschland, wie es is(s)t – Eine Reise über den Tellerrand hinaus“: Ursprünglich sollte mein Buch so heißen. Zumindest trug ich diesen (Arbeits-)Titel monatelang mit mir herum, druckte ihn auf Aufkleber und Visitenkarten, nahm ihn mit auf Reisen und verriet ihn Couchsurfern, Autofahrern und sonstigen Menschen, die mir auf meiner Tour begegneten.

Als die zuständige Lektorin im Rowohlt-Verlag nach meinem Titelvorschlag fragte, musste ich also nicht lange überlegen: „Deutschland, wie es is(s)t – Eine Reise über den Tellerrand hinaus“ tippte ich in die E-Mail, klickte aufs Sendenknöpfchen und wartete auf einen mindestens mittelgroßen Begeisterungssturm.

„Vergleichsweise bieder“

Stattdessen teilte mir die Lektorin freundlich, aber bestimmt mit, dass mein Titel bei ihr und ihren Kollegen durchgefallen sei: „zu kompliziert mit der Klammer, vergleichsweise bieder“, so drückte sie sich aus. Voller Entrüstung und Enttäuschung angelte ich einen Schokoriegel aus meinem Vorrat und versuchte mich mithilfe eines Zuckerschocks zu besänftigen. Vergeblich. Also schob ich im Stile eines Kettenrauchers einen zweiten Riegel hinterher, während ich immer noch irritiert auf den Bildschirm starrte. Zu kompliziert? Und zu bieder???

Knapp tausend Kalorien und eine halbe Stunde später hatte sich mein Ärger in Fett aufgelöst – und ich kam nicht umhin, der Lektorin zuzustimmen. Tatsächlich muss man den Titel zwei- bis dreimal lesen, ehe sich der Sinn erschließt. Und ganz ehrlich: Würde ich im Geschäft inmitten von Hunderten konkurrierenden Covern zu einem Buch greifen mit dem eher kryptischen Titel „Deutschland, wie es is(s)t“? Eher nicht.

Keine Chance für Saumagen

Und so begann die wochenlange Suche nach einem neuen Titel – übrigens knapp ein Jahr vor dem Erscheinungstermin, weil Titel und Cover bereits so früh feststehen müssen. Zunächst schlug die Lektorin eine Kapitelüberschrift meines Buchs vor: „Saumagen macht den Kohl nicht fett – Eine leckere Deutschlandreise“. Das freilich konnte mich nicht überzeugen. Schließlich habe ich zum einen eine Aversion gegen das Wort „lecker“; zum anderen bestand die Gefahr, dass Altkanzler Helmut Kohl zum Erscheinungszeitpunkt des Buches nicht mehr unter den Lebenden weilt. Und ein Wortspiel auf Kosten eines Verstorbenen käme bei den meisten Menschen ungefähr so gut an wie ein jagender Metzger beim Veganerstammtisch.

Dennoch reizte mich der Saumagen, weil ich annahm, dass Wort wie Gericht ein Hingucker sind. Also probierte ich in meiner nächsten Mail folgende Variante: „Per Anhalter zum Saumagen – Eine Deutschlandreise über den Tellerrand hinaus“. Der (berechtigte) Einwand der Lektorin: „Danke für Ihre Idee, doch die Anspielung auf ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ ist schon einige Male bei Büchern verwendet worden.“

Brainstorming für den passenden Titel

Cover des Buchs "Speisende soll man nicht aufhalten" von Patrik Stäbler. Der Autor reckt wie ein Anhalter den Daumen heraus und zeigt ein Pappschild nach "Essen". Es ist ein Buch über Couchsurfing und Couchsurfer, Trampen und Essen.
Das Ergebnis: Patrik Stäblers Buch inklusive Buchtitel.

Nun ging ich zwei Tage in Klausur mit meinen Notizen und sammelte alle noch so abwegigen Ideen und Gedankengänge. Heraus kam diese Liste, die ich der Lektorin zukommen ließ:

  • Aufgegabelt – Eine Anhalterreise zu Maultasche und Mutzbraten (zu Schnüsch und Saumagen)
  • Daumen hoch für Dibbelabbes – Eine Anhalterreise durch Deutschlands Küchen
  • Rundspeise zum Saumagen – Der deutschen Küche auf der Spur
  • Marsch nach Gaisburg – Eine Anhalterreise zu Saumagen & Co.
  • Deutschland nach Bauchgefühl – Eine Anhalterreise zu Eisbein und Saumagen
  • Weil’s mehr als Wurst ist – Auf der Jagd nach Eisbein und Saumagen
  • Der lange Weg zum Schnüsch – Eine Anhalterreise durch Deutschlands Küche
  • Liebe geht durch den Saumagen
  • Trampen zur Teichelmauke
  • Auf Leib- und Magenreise zum Saumagen
  • Speisende soll man nicht aufhalten – Eine Deutschlandreise über den Tellerrand hinaus

Diese Vorschlagliste wollte ich mit der Lektorin diskutieren, gemeinsam einen Titel herausarbeiten – doch dazu kam es nicht. Denn schon am nächsten Tag erreichte mich folgende Mail:

„Lieber Herr Stäbler, wir haben einen absoluten Favoriten! ‚Speisende soll man nicht aufhalten – Eine Deutschlandreise über den Tellerrand hinaus‘. Sind Sie einverstanden? Ich würde mich sehr freuen, denn es ist ein äußerst charmanter Titel.“

Eine Nacht lang ließ ich den Titel sacken – doch je länger ich darüber sinnierte, desto besser gefiel er mir. Und so schrieb ich tags darauf folgende sechs Wörter in eine weitere Mail gen Rowohlt: „Mit dieser Titelkombination bin ich einverstanden.“

 

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Porträtfoto von Patrik Stäbler, Journalist und Autor aus München.

Zur Person:

Der Journalist und Autor Patrik Stäbler mit Wohnsitz in München schreibt mit Vorliebe über die Themen Essen, Lokales und Sport. Für sein Buch „Speisende soll man nicht aufhalten“ reiste er drei Monate lang per Anhalter durch Deutschland und ergründete die deutsche Küche. www.patrik-staebler.de.


2 Gedanken zu “Die Suche nach einem Titel für Magazine und Bücher

  1. Himmel! Was Ihre Lektorin Ihnen da zuletzt vorschlug, war wirklich auch nicht besser, zumal Titel mit Bindestrich und zwei Sätzen meistens pointenverlustig sind. Der Terminus „über den Tellerrand“ ist leider auch ein so oft benutztes Klischee, dass derjenige, der ihn liest, sich denken muss, wofür man ihn denn halte – für einen Weltfremden?

    Kommen Sie doch das nächste Mal zu mir. Kopfzerbrechen erspare ich Ihnen gerne.

    Text/Lektorat/Ghostwriting
    Oliver Kumpf-Wilke
    http://www.kumpf-wilke.de

    1. Der Tellerrand ist in der Tat meist abgedroschen wie der Anhalter in der Galaxis. Andererseits passt es in diesem Fall zu Patrik Stäblers Buch. Denn der Autor schreibt nicht nur über regionales Essen, sondern blickt im wahrsten Sinne „über den Tellerrand“ hinaus: auf seine Erfahrungen mit Couchsurfing und Trampen. Aber wie Sie sagen: Mit allzu langen Titeln sollte man vorsichtig sein. Vor allem in unserem Metier – dem Magazine-Machen – müssen Titel auf dem Cover natürlich extrem knackig sein.

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