Übersetzungen: „Es gibt keinen Shitstorm auf Englisch“

Wenn wir für Kunden ein Magazin in Fremdsprachen übersetzen lassen, arbeiten wir mit journalistischen Übersetzern zusammen. Für einen Werbetext bräuchten wir andere. Sich dies bewusst zu machen, mahnt auch Übersetzerin Geraldine Diserens an – und gibt Tipps für die Suche nach geeigneten Fachleuten.

Geraldine, du betonst immer wieder, wie wichtig es ist, sich von Projekt zu Projekt mit der Frage nach dem richtigen Übersetzer zu beschäftigen. Warum?

Es hat keinen Sinn, einfach einen Übersetzer im Telefonbuch oder Internet zu suchen, ohne sich vorher zu fragen: „Macht der überhaupt Übersetzungen in meinem Fachbereich?“ Man würde ja auch nie einen Augenarzt bitten, einen chirurgischen Eingriff an der Nase zu machen. Ich zum Beispiel lehne juristische und medizinische Übersetzungen ab und bin stattdessen spezialisiert auf journalistische Übersetzungen.

Was ist so anders an einer journalistischen Übersetzung, im Gegensatz beispielsweise zur Übersetzung eines Katalogs?

Katalogtexte bestehen aus Beschreibungen und Produkteigenschaften; die eins zu eins übertragen werden. Auch juristische Texte müssen so nah wie möglich am Original bleiben. Einen journalistischen Magazintext muss man aber als Ganzes verstehen und ihn an die Lesegewohnheiten des Ziellandes anpassen: Deutsche Sätze sind oft sehr lang und werden beim Übersetzen in drei oder mehr kurze Sätze aufgeteilt, weil es sonst zu kompliziert zu lesen wäre. Manchmal ist es notwendig, Absätze zu tauschen. Ironie lässt sich auch nicht immer eins zu eins übersetzen, Werbesprüche wie „Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn“ sowieso nicht. Und eine gute Übersetzung erfordert manchmal, einzelne Textpassagen quasi neu zu schreiben.

Kannst du Beispiele nennen?

Kein Mensch außerhalb Deutschlands weiß, was der Kiez ist – das muss man erklären oder komplett weglassen. Oder: Im Deutschen wird „Shitstorm“ völlig ungeniert benutzt; im Englischen ist der Begriff so ordinär wie das F-Wort. In seriösen Medien würde das niemand verwenden.

Wie viel Geschmackssache oder Eigeninterpretation steckt in einer Übersetzung?

Manchmal sagt ein Kunde, dass er „for example“ nicht mag, sondern lieber „for instance“. Das ist eine Geschmacksfrage. Es kann auch passieren, dass inhaltlich und grammatikalisch alles richtig übersetzt ist, der Kunde es aber weniger peppig und lieber hochwertig haben will. Vor allem im Französischen gibt es sehr viele unterschiedliche Sprachniveaus, die sich nicht eins zu eins übersetzen lassen. Für die sprachlichen Vorlieben eines Kunden müssen Übersetzer ein Gespür entwickeln, und dabei hilft es ungemein, bereits vorhandene Texte in der Zielsprache vorab zum Lesen zu bekommen, um sich daran zu orientieren. Und schließlich kann man auch miteinander reden: Statt eine Übersetzung sofort zu kritisieren, ist es für beide Seiten hilfreicher, zu kommunizieren, damit der Übersetzer die Kundenwünsche und die speziellen Hintergründe verstehen kann.

Nach welchen Anhaltspunkten können Unternehmen die Qualifikation eines Übersetzers beurteilen?

Als Erstes – und das klingt selbstverständlich – sollte man einen Übersetzer suchen, der in seine Muttersprache hineinübersetzt. Genauso wichtig ist aber auch die Übung in der Ausgangssprache: Ich selbst stehe jeden Morgen mit Radiowecker auf und höre deutsche Nachrichten. Das geht ins Ohr, im wahrsten Sinne des Wortes. Man muss sich mit einem Land beschäftigen, um dessen Sprichwörter, Redewendungen und sprachlichen Entwicklungen mitzubekommen. Und zuletzt sollte man im Gespräch mit einem Übersetzer heraushören, ob er sich in die Themen des Unternehmens hineindenken kann.

Und wo können Unternehmen einen passenden Übersetzer finden?

Es gibt zum Beispiel den Übersetzerverein Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), bei dem man nachfragen kann. Außerdem schließen sich Übersetzer immer häufiger in Netzwerken zusammen, um sich gegenseitig Empfehlungen auszusprechen, wenn sie eine Anfrage selbst nicht annehmen können. Wer wirklich professionell agiert, scheut sich nicht davor, einen Auftrag abzulehnen mit der ehrlichen Begründung, man sei nicht auf dem Gebiet spezialisiert, und gegebenenfalls an einen Kollegen weiterzuleiten. Da wären wir wieder beim Vergleich mit dem Augenarzt.

Also wie Übersetzungsbüros …

Nicht ganz: In der Regel sind Übersetzungsbüros eher Vermittlungsbüros als komplette Firmen: Sie haben häufig ein kleines Personal, das Spezialgebiete beherrscht, und dann haben sie einen großen Pool an Freien, auf den sie bei Bedarf zurückgreifen. Es kann aber passieren, dass für einen Kunden immer wieder ein anderer freier Übersetzer herangezogen wird und die Sprachcharakteristik dadurch variiert. Und manche Übersetzungsbüros übernehmen leider auch Texte, wenn sie keine Spezialisten haben und auch nicht auf passende Freiberufler zurückgreifen können.

Eine Alternative zur Übersetzung wäre ja, ein Thema direkt in drei Sprachen zu recherchieren und zu schreiben. Wann lohnt sich das?

Bei Marketingtexten: Die kulturellen Unterschiede von Sprache zu Sprache sind einfach erheblich. Bei journalistischen Texten wäre es denkbar, aber wer kann es sich schon leisten, drei Redakteure für drei Sprachen einzustellen? Übersetzen kostet weniger, als jemanden zu einem Termin zu schicken. Das ist der Hauptgrund für Übersetzungen.

Wie wird eine Übersetzung abgerechnet?

Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Erstens: Es wird standardmäßig nach Zeilen mit 55 Anschlägen berechnet. Man teilt also die Textlänge durch 55, hat damit die Anzahl der Zeilen, und der Übersetzer verlangt Betrag x pro Zeile. Diese Variante ist am gängigsten. Nach Anzahl der Wörter zu berechnen ist die zweite Möglichkeit; dabei kann es aber – je nach Wortlänge oder -kürze – zu starken Schwankungen beim Preis kommen. Die dritte Alternative ist die Berechnung nach Stunden. Das ist häufig der Fall, wenn ein bereits gelayouteter Text übersetzt werden soll, in einer Power-Point-Präsentation zum Beispiel. Übersetzer müssen dann in alle Zeilen einzeln klicken und können den Zeitaufwand im Vorfeld nur schwer abschätzen. Und viertens: Für größere Texte oder sich wiederholende Aufträge sind Pauschalbeträge üblich.

Was antwortest du, wenn jemand die Übersetzungspreise zu teuer findet?

Wir Übersetzer bieten eine Dienstleistung an, in der wir ausgebildet sind und in die wir häufig auch ein mehrjähriges Studium gesteckt haben. Diese Dienstleistung hat einen Preis. Leider sind einige Menschen der Auffassung, jeder könne übersetzen. Wenn es nicht um einen hochwertigen Auftrag geht oder man mit jemandem geschäftlich kommuniziert, den man schon gut kennt, mag das ja stimmen: Wenn Grammatik oder Wortwahl nicht perfekt sind, stört es niemanden; der andere wird schon wissen, was gemeint ist. Für eine größere Leserschaft sollte eine Übersetzung aber Hand und Fuß haben.

Irgendwann könnten auch Bots und Google Translate die Arbeit von Übersetzern übernehmen …

Ich bin kein Computerprofi, aber als Sprachprofi setze ich dagegen: Sprache ist viel zu kompliziert für Maschinen. Viele Wörter bedeuten je nach Zusammenhang etwas ganz anderes. Und wie soll ein Bot Ironie, Humor oder Wortspiele verstehen oder wissen, wann man Slang benutzen darf oder wo eine gehobene Sprache erwünscht wird? Zudem – und das ist noch wichtiger – entwickelt sich Sprache ständig weiter. Abertausende Redewendungen und neue Wörter werden jeden Tag weltweit erfunden. Bots sind sicher für einfache Standardübersetzungen geeignet oder wenn es nur um ein grobes Textverständnis geht. Aber gute Übersetzungen sind das nicht.

 

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Porträt der Übersetzerin Geraldine Diserens

Zur Person:

Geraldine Diserens hat Germanistik in Dublin studiert und spricht neben ihrer Muttersprache – Englisch – auch fließend Gälisch und Französisch und hat Grundkennnisse in Italienisch und Spanisch. Sie übersetzt nicht nur Texte anderer Autoren, sondern ist auch selbst Redakteurin. Ihre Lieblingssprache? Keine. Weil sie jede Sprache aus einem anderen Grund begeistert: Englisch wegen der Vielfalt ihrer Redewendungen, Deutsch wegen der Möglichkeit, viele Wörter zu einem zu kombinieren (Bezirksschornsteinfegermeister – herrlich“); Gälisch, weil sie mit ihrer Wortordnung die Sprachwelt auf den Kopf stellt, und Französisch, weil sie höflich klingen und dennoch schwer beleidigen kann; schließlich Italienisch, weil es die Sprache des Gefühls ist.


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